Nora Miedler


Direkt zum Seiteninhalt

Nora-Leseprobe

Textproben > Warten auf Poirot

Warten auf Poirot - Leseprobe


Die Idee, Rita zu töten, kam mir das erste Mal an Heiligabend. Ich stand im Haus meiner Eltern vor dem kleinen Badezimmerspiegel und beobachtete das Wasser in meinen Augen. Es war bereits am Höchststand angelangt - knapp unterhalb der Pupillen. Wenn der Pegel die beiden schwarzen Punkte erreichte, gab es keine Möglichkeit mehr, den Dammbruch aufzuhalten. Charliemaus - heul dich aus. Ich musste zwinkern. Splischhh - die Stauseen wurden zu Tränen, die über meine Wangen liefen und auf jeder Seite einen schwarzen Guss Wimperntusche mitnahmen. Vielleicht würde dasselbe mit mir passieren, wenn ich mich gegen die gelb gekachelte Wand stützte. Einfach nur anlehnen und hinunter rinnen …
Doch nein, ich musste da raus, musste plaudern und glücklich sein, denn draußen im Wohnzimmer, dort wo meine Familie seit geschlagenen zwanzig Minuten auf mich wartete, da herrschte Weihnachten. Und war es an so einem Freudentag nicht, verdammt nochmal, meine töchterliche Pflicht, die Christbaumkugeln zu bestaunen, von den Keksen zu naschen und mit strahlendem Gesicht Geschenke auszupacken? Und endlich, endlich Marc aus meinem Kopf zu bekommen. Und vor allem Rita, diese Ringelnatter. Sie wollte ich ja loswerden! Am besten drei Spatenlängen unter die Erde als Festmahl für die Würmer, von mir aus bei lebendigem Leib.
Hoppla - wo war der Gedanke plötzlich hergekommen? Normalerweise war ich nicht so makaber. Eher harmlos. Wahrscheinlich sogar viel zu harmlos! Ich schnaufte laut und freute mich darüber, dass es böse klang. Wie ein Bulle in der Arena, der mit dem Huf scharrt, den Kopf senkt und losstartet. Ha, da wäre Rita mal eine andere Art von Trophäe. Aufgespießt, durchgebohrt, ausgelöscht. Und Marc würde zu mir zurückkommen. Vom Einfluss seiner Schwester für immer befreit.
Ein klein wenig beunruhigte er mich schon, dieser Wonneschauer, der durch meinen Körper jagte. Dennoch ließ ich es zum ersten Mal zu. Sie wissen schon … Was, wenn ich es wirklich täte? Natürlich ohne Stier, es gab da sicher praktischere Methoden.
Und warum schließlich nicht? Im Krieg und in der Liebe war doch alles erlaubt.
"Charlie! Was machst du denn so lange da drin? Wir wollen jetzt endlich den Baum anzünden."
Bitte nur die Kerzen, Mama. "Ich komm schon, meine Kontaktlinse war nur verrutscht. Bin gleich da." Mit den Ärmeln meiner Bluse rubbelte ich mir die Wimperntusche von den Wangen. Meine Mundwinkel zwang ich nach oben. Rein mechanisches Dauerlächeln sollte angeblich die Laune verbessern, wussten Sie das? Hatte ich mal auf einem Motivationsseminar gehört, zu dem natürlich Rita mich geschleift hatte. Heute Abend würde ich es ausprobieren. Konnte nur hoffen, dass es klappte. Bereits vor meinem Badezimmerabstecher war die Sorgenfalte auf der Stirn meiner Mutter preisverdächtig gewesen. Kategorie: Beste Tragödie. Kein Wunder, war ja Heiligabend und damit ohnehin eine kritische Zeit für meine Eltern. Meine Krankheit, wie es die Ärzte netterweise genannt hatten, war in unser aller Erinnerung eng mit der Weihnachtszeit verbunden. Ich stand im dunklen Flur, keine zwei Schritte vom Wohnzimmer entfernt, als mich das wohlbekannte Gefühl überkam. Ich widerstand dem Wunsch die Augen zu schließen, wohlwissend, dass das meinen Zustand verschlimmern würde. Atmen, Charlie, atmen … ein … aus … ruhig, langsam … ein … aus … An der Wand suchte ich Halt. Die Raufasertapete fühlte sich angenehm vertraut an. Meine Fingerkuppen strichen auf und ab. Du bist lebendig, Charlie, alles ist gut … alles ist real …
Da war meine Mutter, sie stand fromm, anders kann ich es nicht nennen, mit der Streichholzschachtel in der Hand neben dem Weihnachtsbaum, die mittlerweile grauen Haare zu einem französischen Zopf geflochten. Ich sah Clemens, der lässig am Boden vor dem Baum lag und mit langen Fingern an den Geschenkpäckchen hantierte. Und schließlich meinen Vater, der auf dem Sofa saß und sich unaufhörlich die Stirn rieb, als könne er durch die energische Bewegung den Heiligabend beschleunigen und die freudige Festlichkeit so schnell wie möglich hinter sich bringen.
Ganz ruhig, Charlie. Schau mal, dein Vater bekommt eine richtige Glatze. Du hast einen Glatzkopf zum Vater. Das ist völlig in Ordnung, alles ist in Ordnung.
Für Sie mag das jetzt krank klingen. Eine junge Frau, die in ihrem Kopf mit sich selbst spricht, noch dazu völlig stupides Zeug. Aber glauben Sie mir, für mich ist Konzentration auf simple Dinge die einzige Chance, eben nicht wieder krank zu werden.
"Na, Schwester, zur Abwechslung mal geistesabwesend?"
Dieses Arschloch! "Weder Geist noch abwesend." Ich ging an meinem Bruder vorbei und wollte meiner Mutter die Streichhölzer abnehmen.
"Nein, Charlie, lass das mit dem Feuer lieber mich machen."
Was sollte das jetzt? Ich war doch keine Pyromanin! Ich sah mich nach meinem Vater um, der mittlerweile darauf konzentriert war, den Boden zu seinen Füßen zu begutachten. Natürlich keine Unterstützung von seiner Seite.
"Wann fahrt ihr denn auf diese Berghütte?", fragte meine Mutter, während sie mit wackeligen Knien auf einen Stuhl kletterte, um an die oberen Kerzen zu gelangen. Ganz klar, dass meine Hilfe nichts bringen würde, ich war ja auch nur gut einen Kopf größer als sie.
"Am Neunundzwanzigsten. Also, Rita, Ingrid und ich. Sonja und Marnie sind, glaub ich, schon einen Tag vorher dort."
"Habt ihr da oben überhaupt ein Telefon?"
"Ich weiß es nicht, Mama. Es sind doch nur fünf Tage."
"Fünf Tage, an denen ich keine Ahnung habe, ob es dir gut geht."
In meinem Kopf dröhnte es, und für einen Moment konnte ich meinen Vater und sein ständiges Stirnreiben verstehen. "Ich ruf euch an, bevor ich wegfahre, und wenn ich wieder da bin, melde ich mich auch sofort."
"Und wenn einer von euch da oben etwas passiert?"
Ja, das wäre doch was, oder? Rita und ich auf einem einsamen Spaziergang am schneeigen Steilhang. Ein klärendes Gespräch unter Freundinnen. Sie würde mir vielleicht endlich verraten, warum sie ihren Bruder dazu gebracht hat, mich in den Wind zu schießen, und ich hätte Gelegenheit, mich in aller Form zu rächen. Ein sauberer Stoß, und alle Wege zu Marc stünden wieder offen. Ich sah Rita bereits über dem Abgrund hängen, die zarten Finger verzweifelt am eisigen Felsen festgekrallt, die dunklen Augen flehentlich auf mich gerichtet. Obwohl meine Füße in Socken steckten, konnte ich meine schweren Bergschuhe auf Ritas klammen Händen regelrecht spüren. Ciao Ciao, schöne Rita!
"Wem winkst du?"
Was? Ich starrte meinen feixenden Bruder an, nahm den spöttischen Blick auf seinem hübschen Gesicht wahr, ballte meine Hände zu Fäusten und stach mir mit den Fingernägeln in die Handinnenflächen. Eine meiner erprobten Techniken zur Bekämpfung der aufkommenden Hysterie. Komm schon, Charlie, reiß dich zusammen.
Die Nägel immer noch ins Fleisch gebohrt, wandte ich mich abrupt dem Weihnachtsbaum zu, versuchte mich allein auf die grünen Tannennadeln zu konzentrieren, den nicht vorhandenen Duft des toten Baumes einzusaugen und die latente Panik einfach zu ignorieren.
"Ich hoffe, dass nicht du diejenige bist, die die anderen hinauffährt. Du solltest Stress meiden, Charlie."
Gott, wie ich sie in diesem Moment hasste. Alle drei. Die Mutter, die mir nichts zutraute. Den Bruder, der, obwohl drei Jahre jünger als ich, nie zu mir aufgeschaut, mich im Gegenteil von Anfang an als minderwertig betrachtet hatte. Und meinen Vater, der zwar physisch anwesend war, aber dermaßen desinteressiert an seiner Tochter und ihrem Leben, dass ich mich, seit ich denken konnte, mit der Frage herumschlug, was ich eigentlich falsch gemacht hatte.
Ich will Sie nicht lange mit diesen Einzelheiten aufhalten. Meine Familie hat mit der Tragödie, die sich am Dachstein abgespielt hat, nichts zu tun. Doch ein kleiner Einblick ist wichtig. Damit Sie verstehen, warum ich im weiteren Verlauf auf diese und jene Weise gehandelt habe. Will ich so etwas wie Absolution von Ihnen? Könnte sein.



Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü